© Marian Wilhelm
Vom 14. Juni bis zum 13. September 2026
Nach der Grenze
von Silke Markefka und Nikolai Vogel
An der Grenze hält man sich nicht auf. Man passiert sie. Grenzen aufmachen und sie anderswo schließen. Silke Markefka und Nikolai Vogel haben im Jahr 2008 und 2009 Grenzübergänge der Bundesrepublik Deutschland zu allen neun an die Bundesrepublik anliegenden Ländern besucht, um festzuhalten, wie es sich dort anfühlt, nachdem die Grenzanlagen nach und nach verschwinden, zurückgebaut werden oder einfach verwahrlosen, zu Ruinen verfallen, keine Funktion mehr haben, sondern als unwirkliche Relikte aus einer anderen Zeit wie Findlinge in der Landschaft stehen. Das Schengener Übereinkommen von 1985 und das Schengener Durchführungsübereinkommen von 1990 (auch als Schengen I und Schengen II bekannt) hatten Grenzarchitekturen seit Mitte der 1990er-Jahre ihrer Funktion enthoben und den Grenzübergang vielerorts in normale Straßen zurückverwandelt. An den Landgrenzen zu Belgien, Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden entfielen die Personenkontrollen von und nach Deutschland bereits im Lauf des Jahres 1995, zu Österreich 1998, zu Dänemark 2001, zu Polen und Tschechien Ende 2007 und Ende 2008 dann schließlich auch zur Schweiz. Grenzkontrollen wurden an andere Grenzen der EU verlagert, wo sie umso penibler durchgeführt werden. Kommen sie jetzt dauerhaft auch rund um Deutschland zurück? Es gab eine Zeit, da verschwanden sie fast. Rückschau in eine nahe Vergangenheit.
Die Malerin Silke Markefka brachte ihre Eindrücke von den Grenzbesuchen in Bilder im Mittel- und Großformat. In ihren Grenzbildern geht es ihr dabei weniger um realistische Darstellungen als um eine Erinnerungslandschaft, um das Übermalen und Freilegen von Zeitschichten. Mit den Mitteln der Malerei erfolgt dies auf intuitive Art und Weise, die dem Betrachter vielfältige Bezüge ermöglicht und eigene Erfahrung freilegt. Der Schriftsteller und Künstler Nikolai Vogel hat mit analogen Aufzeichnungsgeräten die Grenzsituation akustisch festgehalten und beschreibt die Grenzeindrücke darüber hinaus in einem assoziativen Text. Die dafür benutzten Bandmaschinen, Tonbandgeräte, Diktiergeräte und Kassettenrekorder stammen ebenfalls aus einer verschwindenden Epoche, die sie somit ins Bewusstsein bringen.
Das Gefühl durch einen Schlagbaum zu fahren … Malerei und Grenzsoundtrack aus einer vergangenen Zeit, in der die Grenzanlagen nach und nach zu verschwinden schienen. Ein assoziativer Besuch in 22 Stationen. Entstanden zu einer Zeit, als die Grenzen zu allen Nachbarstaaten Deutschlands offen waren, also nach den Schengener Abkommen ohne Passkontrollen passierbar, während sie aktuell sämtlich wieder kontrolliert und reaktiviert werden, hält das Kunstprojekt »Nach der Grenze« einstigen, optimistischen Hoffnungen auf eine freier werdende Welt heute eindrucksvoll den Spiegel vor und hinterfragt Geschichte.
Nach der Grenze umfasst die Kunstformen Malerei, Fotografie, Literatur, Field Recording und Performance. Für ihr umfangreiches Projekt erhielten Silke Markefka und Nikolai Vogel das Projektstipendium für Bildende Kunst der Landeshauptstadt München 2008. Aus dem Material entstand auch das vom BR produzierte 50-minütige Hörspiel Nach der Grenze von Nikolai Vogel. Die Ursendung lief 2011 auf Bayern 2. Teile des Projekts waren bereits in Galerien und Museen zu sehen, zuletzt 2024 in der Ausstellung Vom Teilen | About Sharing | O Dzieleniu – Kunst an der (polnisch-deutschen) Grenze im ZAK – Zentrum für Aktuelle Kunst in der Zitadelle in Berlin, und im November 2025 in einer großen Einzelausstellung im Muffatwerk München. Gleichzeitig erschien als Reader und Künstlerbuch die Publikation Nach der Grenze im Black Ink Verlag.
Künstlerbiografien
Die Malerin Silke Markefka (1974, Mühldorf am Inn; lebt in München) und der Schriftsteller/Künstler Nikolai Vogel (1971, München; lebt in München) entwickeln seit Jahren gemeinsame Projekte neben ihren Solowerken.
Silke Markefka studierte Malerei an der Akademie der Bildenden Künste München bei Prof. Günther Förg (2002–2008, Meisterschülerin 2006). Auszeichnungen: Villa-Romana-Preis 2007, Projektstipendium Bildende Kunst München 2008, BBK-Debutantenförderung 2010, Bayerischer Kunstförderpreis 2013. Ihre serienhaften Arbeiten – Archiv, Lüster, Kinder, Touristen, Von Vorhängen – schälen Schichten von Gedächtnis und Intimität heraus, balancieren gegenständlich und abstrakt. Sie evozieren vergänglichen Glanz, den Griff nach der Zeit und Sehnsucht aus Abwesenheit.
Nikolai Vogel studierte Germanistik, Philosophie und Informatik an der LMU München. Seine assoziative Kunst und Literatur umarmen Realitätsfragmente und Offenheit. Ehrungen: Open Mike 2004 und Ingeborg-Bachmann-Preis 2005 Finalist; Stipendium Literarisches Colloquium Berlin 2005; Bayerischer Literaturförderpreis 2007; München-Projektstipendium Bildende Kunst 2008; Wettbewerbssieg »Kunst im öffentlichen Raum« München 2012. Wichtige Publikationen: Spam Diamond (Haymon, 2012); fragmente zu einem langgedicht (gutleut, 2019); Angst, Saurier (YouTube-Lesungen, 2020); aktuelle Titel bei Black Ink inkl. Hier und ohne uns (2026). Mit Kilian Fitzpatrick betreibt er Black Ink Verlag und tritt als Elektropop-Duo Schlachtbach auf.